„Allein in Wörth“, wo Europa geboren wurde

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„Shared Heritage“ – geteiltes Erbe – war das diesjährige, europäische Thema zum Tag des offenen Denkmals. Der Kulturreferent des Landkreises Dr. Thomas Feuerer beschrieb das barocke Turmzimmer mit dem grandiosen Blick auf die Donauebene als „Ort, an dem europäische Geschichte stattgefunden hat“ und betonte die Notwendigkeit, dass die Menschen die konkrete Wirksamkeit dieser Vergangenheit bis heute erfahren. „Die Denkmäler sind Spiegel der Offenheit für neue Einflüsse“, was sich bereits an der Entstehung des Wörther Rondellzimmers zeige. Nach dem 30-jährigen Krieg war Deutschlands Bevölkerung halbiert. Die brachliegenden Flächen erblühten von neuem und der neue Reichtum der absolutistischen Gebietsherren verlangte nach Außendarstellung. Der damalige Fürstbischof von Regensburg, Albrecht Sigmund, war zugleich Fürstbischof von Freising und Propst von Konstanz und Altötting – ein „weltlicher Pfründesammler“ also – der weniger der Verehrung Gottes und der Verwaltung des Bistums als den ganz profanen Genüssen zugeneigt war.

Stuckateur war ein Wirtschaftsflüchtling

Die Sommerresidenz der Regenburger Bischöfe ließ der begeisterte Jäger deshalb für viel Geld aufwerten und so entstand „eine der bedeutendsten barocken Profanbauten Ostbayerns“. Der italienische Wanderarbeiter Jacopo Tornino, „also ein Migrant oder Wirtschaftsflüchtling“, stattete zwischen 1673 und 1674 den Saal mit seinem überreichen Stuck aus, der Putten, Obst und Blumen abbildet, Symbole des weltlichen Überflusses und des Wohlstands.Die insgesamt 22 Gemälde, die um 1676 entstanden, ordnete der Kunsthistoriker Dr. Peter Morsbach, auf dessen Erkenntnisse Feuerer sich bezog, dem Regensburger Maler Jakob Heibl oder Häubl zu. Die Szenen aus den Metamorphosen des Ovid, die Wanderungen von Meereslebewesen und die griechisch-römischen Götterbildnisse thematisierten das Jagdglück, Macht und Klugheit – sämtliche Attribute, die sich ein „melancholischer“ Herrscher „von jähzornigem Humor“ gerne als Honig um den Bart schmieren ließ. Beide Künstler, Tornino und Häubl, haben auch an Alteglofsheim und vielen weiteren barocken Bauten zusammengearbeitet, was auf enge kollegiale Kontakte unter internationalen Handwerkern schließen lasse. Die Leistung zählt, nicht die Herkunft – und das schon damals.

Kann man der Zukunft Widerstand leisten?

Als nach den Wirren der Französischen Revolution Napoleon Bonaparte sich um 1800 zur Vorherrschaft über Europa aufmachte, war der immerwährende Reichstag in Regensburg noch immer Verwaltungszentrum des altertümlichen deutschen Kaiserreichs.

Der Bischof von Regensburg war zugleich Erzkanzler und „nach dem Kaiser der ranghöchste Beamte im Reich“, wie man beim Historienschauspiel der Wörther Kolpingbühne nochmals erfuhr. Ekkehard Hollschwandner schlüpfte in die Rolle Dalbergs und gestand seinem Diener Albert (Dennis Schulz) seine innere Verworfenheit. Einerseits war der kaiserliche Regierungschef durch seinen Treueschwur gebunden, andererseits war die Neuaufteilung Europas bereits in vollem Gange und die Grande Armee eilte von Sieg zu Sieg. Welchem Herrscher also gehorchen, wo neue Kriege so oder so wahrscheinlich waren?

Bayerns heutige Form entwickelte sich

Dalberg entschied sich letztlich für die modernere Staatsform mit Verfassung, Strafgesetzbuch und einem von den Bürgern getragenen, säkularen Gemeinwesen, dem schließlich auch der Herrscher untertan war.Bayern war bereits mit Frankreich verbündet – dadurch erst zum Königtum aufgestiegen – und indem Dalberg dem Drängen des französischen Gesandten Graf Hédouville (Georg Waldberger) nachgab, ermöglichte er die im Wesentlichen bis heute bestehende Gebietsform. Ob er nun, wie ein Vertrauter sich erinnert, „allein in Wörth, bestürmt von der Französischen Partei, verstört und verängstigt“ war, oder ob er sich insgeheim schon auf die ihm im Gegenzug zugestandenen Pfründe freute, wird wohl auf immer ein historisches Geheimnis bleiben.

Aus leibeigenen Bauern wurden freie Bürger

Jedenfalls endete so formell das Feudalsystem in den deutschen Fürstentümern, das Bauern zu unfreien Leibeigenen machte und allein dem Adel politische Macht sicherte. Zwar sollte es weitere 150 Jahre dauern, bis Deutschland und Frankreich endlich wirklichen Frieden schließen und so Europas Einheit beschließen würden. Dass man das aber als Demokratie tat, dessen wiederum darf sich das beschauliche Wörth wenigstens ein Stück weit rühmen. Feuerer schloss sein Referat, indem er aus aktueller politischer Sicht auf die vielfältigen europäischen Geschichtslinien und Wirtschaftsbeziehungen hinwies, die sich hier kreuzen: „Man sollte diese Verbindungen nicht aus kurzsichtigem Interesse kappen, sondern sie hegen und pflegen.“

[Text und Bild: Franz Nopper, Donau-Post]

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