Befreier, Opfer, Schuldige

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Wer Donau-Post-Ausgaben aus den Vierzigerjahren durchblättert und nach Vereinsmeldungen sucht, der findet ... nichts. Von 1940 bis 1945 habe in Wörth keinerlei Vereinsleben stattgefunden, berichtete Johann Festner am Montag im Bürgersaal.

In der Zeitung ging es einzig und allein um Appelle, um militärische Übungen, Durchhalteparolen und gelegentlich um die Vorführung eines Propagandafilms, zum Beispiel den Film „Stukas“ über deutsche Sturzkampfflugzeuge, der im Schifferl-Saal lief. Derlei Filme und die Parolen sollten „die Trostlosigkeit des Krieges überdecken“, erläuterte Festner.

Zusammen mit Lena Schöberl und Josef Schindler ließ der Kultur- in-Wörth-Sprecher am Montag die Vierzigerjahre Revue passieren, ein düsteres, blutiges und widersprüchliches Jahrzehnt. Das Durchforsten alter Zeitungsausgaben im Archiv unserer Mediengruppe half Festner diesmal kaum, da bis zum Kriegsende nur Propaganda in der Zeitung stand und es nach dem Krieg nur eine sogenannte Regensburger Post gab, herausgegeben von den Alliierten, die allerdings keinen Wörther Lokalteil hatte. Festner forschte also stattdessen in Archiven, untersuchte historische Dokumente, um so ein Bild jener Jahre in Wörth und Umgebung zeichnen zu können.

Die Arbeitsaufteilung folgte demselben Muster wie bei den Vorträgen über die Zwanziger- und Dreißigerjahre: Festner konzentrierte sich auf Wörther Begebenheiten, Schöberl schilderte die allgemeine Lage und Schindler widmete sich der Kultur und der Wissenschaft.

„Fanatische Kriegsführung“

Wie Schöberl erläuterte, tobte zu Beginn der Vierzigerjahre der Krieg in unvorstellbarer Brutalität. Als Wendepunkt gilt die Schlacht von Stalingrad: Hitler opferte schätzungsweise 270 000 Soldaten, ließ sie erfrieren und verhungern. „Das zeigt die fanatische und menschenverachtende Kriegsführung“, verdeutlichte Schöberl.D

Da deutsche Männer an der Front oder in Gefangenschaft waren, kamen daheim Zwangsarbeiter zum Einsatz. Auch in Wörth. Wie Festner berichtete, lebte auf einem Hof in Kiefenholz zum Beispiel ein polnischer Zwangsarbeiter. Dieser hat später über die Kiefenholzer „nur Gutes berichtet“, betonte Festner unter Verweis auf ein Buch des Journalisten Thomas Muggenthaler: Der Pole bekam demnach genug zu essen, durfte mit Deutschen am Tisch sitzen, wurde anständig behandelt. „Aber er hat halt später auch Folgendes gesagt: Wir hatten keine Jugend. Und so ging es vielen damals: Hitler hat ihnen ihre Jugend geraubt“, bemerkte Festner.

Wie Schöberl darlegte, befreiten alliierte Soldaten Deutschland aus den Fängen der Nationalsozialisten. Den Markt Wörth erreichten sie im April 1945. Eine „gar nicht mal so kleine Gruppe“ von Bürgern habe gehandelt, sagte Festner. Ihr Ziel: den Heimatort kampflos übergeben. Der Wörther Alois Schmelz radelte den Amerikanern entgegen, die auf dem Sauberg warteten, er hatte eine weiße Flagge in der Hand. „Das war ein höchst gefährliches Unterfangen“, erklärte Festner, „denn er war nicht ganz sicher, ob im Schloss oben nicht noch SS-Einheiten sein könnten. Wäre nur ein einziger Schuss gefallen, hätten die Amerikaner Schmelz erschossen und angegriffen. Er hat verhindert, dass Wörth verwüstet wurde.“

Nach dem Kriegsende gab es in Wörth dann sogar eine jüdische Gemeinde, und zwar in der Regensburger Straße, ungefähr gegenüber der heutigen Polizeiinspektion. Dort lebte unter anderem das jüdische Mädchen Marion Weinzweig, wie Festner sagte. Sie war in Polen zur Welt gekommen, ihre Eltern hatten sie bei Bauern versteckt, denen wurde das jüdische Kind zu heikel, sie gaben es in ein Kloster, von dort kam es in ein weiteres Kloster – und aus diesem holte es nach Kriegsende der Vater ab. Die Familie floh Ende 1945 vor Pogromen nach Deutschland – ausgerechnet nach Deutschland. Marion Weinzweig kam nach Wörth. Eine schöne Zeit verlebte sie dort nicht, die Mutter war tot, der Vater mürrisch. 1948 wanderten sie nach Kanada aus. „Heute ist Marion Weinzweig 82 Jahre alt“, erzählte Festner.

Es gab nicht nur Gut und Böse

Die Alliierten begannen nach dem Krieg mit der Entnazifizierung, sie fahndeten nach Tätern, setzten Gerichtsprozesse in Gang, berichtete Schöberl. Auch in Wörth begann die Suche nach Schuldigen.

„Es hat in Wörth scharfe und heftige Nazis gegeben“, sagte Festner, „aber sie hatten nicht die ganz große Macht gehabt und mussten sich eher darauf verlegen, andere zu denunzieren.“ Festner erwähnte einen Lehrer, der immer wieder Mitbürger bei den Nazis angeschwärzt hatte.

Ein differenziertes Bild zeichnete Festner von Friedrich Horkheimer, dem Wörther Bürgermeister in der Nazizeit: „Wenn er jemanden mochte, war er milde und hat sich für ihn eingesetzt. Das galt sogar für politische Feinde, zum Beispiel Sozialdemokraten. Aber wenn er jemanden nicht mochte, ist er hart gegen ihn vorgegangen.“ 1948 wurde Horkheimer als Hauptschuldiger eingestuft – ein zu hartes und unbegründetes Urteil, wie Festner fand, denn ein Kriegsverbrecher war er nachweislich nicht. Dennoch kam er für drei Jahre in ein Arbeitslager, sein Vermögen wurde fast vollständig eingezogen. Erst später revidierte ein Gericht das Urteil und stufte ihn zum Mitläufer herab.

In Wörth brach unterdessen ein heftiger, bitterböser Streit zwischen der CSU und der SPD aus, wie Festner zu berichten wusste. Nach dem Krieg hatten die Alliierten Alois Schmelz als SPD-Bürgermeister eingesetzt, doch bald enthoben ihn die Behörden seines Amtes. Rupert Saller von der CSU hatte Schmelz verleumdet und behauptet, er habe öffentliches Geld verschleudert. Daraufhin wurde Saller als Bürgermeister eingesetzt, doch auch diesen setzten die Alliierten nach Querelen und Anzeigen wieder ab. Festners Resümee: „In Wörth haben sich damals Männer gestritten, die ausnahmslos gegen den Nationalsozialismus eingestellt waren. Doch die haben sich gegenseitig denunziert. Sie hatten verlernt, wie man einen politischen Streit führt. Das hat die lange Nazizeit bewirkt."

Erleichterung einerseits, Zukunftsängste andererseits

Die Gemütslage in der Bevölkerung war Schöberl zufolge zwiegespalten. Einerseits war man erleichtert, den Krieg überlebt zu haben. Auf der anderen Seite gab es „brutale Zukunftsängste“. Gewaltige Flüchtlingsmassen strömten herbei, auch nach Wörth. Festner erinnerte an eine Veranstaltung im Jahr 2013: Damals hatten Wörther, die als Flüchtlinge hierhergekommen waren, von ihren Erfahrungen erzählt. Günther Basowski berichtete von einem dänischen Flüchtlingslager, in dem Kinder niemals einen Hund oder eine Katze gesehen hätten – nur Stacheldraht. Millionen Familien seien zerrissen worden, bemerkte Schöberl. Viele für immer. Noch heute seien rund 1,7 Millionen deutsche Schicksale ungeklärt.1

1948 kam es zur Währungsreform, zu der Festner eine Anekdote aus Wörth parat hatte: Seinerzeit war es möglich, 40 Reichsmark zum Kurs von 1:1 in D-Mark umzutauschen. Ein Wörther ging davon aus, der Rest des Geldes sei verloren, und zündete sich damit vor der Hofapotheke – großspurig und demonstrativ – Zigaretten an. Einige Wochen später fiel dann der Beschluss, dass auch das restliche Geld doch noch zum Kurs 1:10 umtauschbar wäre. „Geld verbrennen, diese Redewendung stammt also sozusagen aus Wörth“, sagte Festner mit einem Augenzwinkern.

Nachdenklicher Schlussakkord

Ihren Vortrag beendeten Schöberl, Schindler und Festner mit dem Abspielen der deutschen Nationalhymne und der DDR-Hymne („Auferstanden aus Ruinen“), denn an der Schwelle zu den Fünfzigerjahren entstanden zwei deutsche Staaten. Ob es auch zu den Fünfzigern wieder einen Vortrag geben wird ? Mal sehen, meinte Festner zum Schluss. Und dann wollte er noch etwas loswerden, etwas Nachdenkliches: „Ich habe immer geglaubt, ich gehöre einer Generation an, die in Frieden lebt. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher.“

 

Die Kultur in den Vierzigerjahren

Josef Schindler ist auf Kunst, Kultur und Wissenschaft in den Vierzigerjahren eingegangen. Eine klare Einteilung in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse sei in vielen Fällen nicht möglich, sagte er. Er nannte zum Beispiel Richard Wagner, den Hitler verehrte und der selbst „ein glühender Antisemit“ gewesen sei. Wagner habe die Hintergrundmusik zu Hitlers Größenwahn geliefert. Auf der anderen Seite dürfe man Wagner nicht allein darauf reduzieren, „man kann ihn nicht nur in diese Ecke stellen“.

Auch im Falle des Dirigenten Wilhelm Furtwängler zeichnete Schindler ein Bild in Graustufen. Er sei kein hartgesottener Nazi gewesen, habe jüdischen Musikern zur Flucht verholfen. Einerseits. Aber er habe sich andererseits als absoluter Weltklassedirigent in den Dienst der Nazi-Größen gestellt.

Leichte Musik und heitere Filme sollten ablenken

Noch wichtiger als die klassische Musik sei den Nationalsozialisten die Unterhaltungsmusik gewesen, sagte Schindler. Leichte und lockere Schlager hätten eine enorm große Rolle gespielt. 1938 hätten sie 45 Prozent der im Radio gespielten Musik ausgemacht, 1943 seien es bereits 70 Prozent gewesen. Der simple Grund dafür: „Man wollte die Bevölkerung ablenken.“Das habe auch für das Kino gegolten, ergänzte Schindler. Es gab zwar Propagandafilme, die überwiegende Mehrheit – 90 Prozent – bildeten aber sogenannte H-Filme, heitere Filme.

Unter Buchautoren und Kulturschaffenden allgemein gab es zwei konträre Tendenzen, erläuterte der Vortragende: Die einen blieben in Deutschland, machten irgendwie weiter, die anderen gingen ins Exil. Nach dem Krieg kochte zwischen Geflohenen und Zurückgebliebenen mancher Konflikt hoch: Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der in die Vereinigten Staaten gegangen war, begegnete den Daheimgebliebenen mit Argwohn, warf ihnen unterschwellig immer vor, unselige Kompromisse gemacht, sich mit dem Regime arrangiert zu haben. Die wiederum wehrten sich mit dem Vorwurf: Du warst in Amerika, hast dort schön gelebt!

Die Welt der Wissenschaft war indes geprägt vom Wettlauf zur Atombombe, erläuterte Schindler. In den USA sollen 150 000 Leute daran gearbeitet haben. Unter keinen Umständen sollte die Technologie zuerst in Feindeshand gelangen.

[Text Simon Stadler, Donau-Post; Bild Hans Solleder]

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