Der Tod gehört zum Leben
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Es hat etwas von Kaminfeuer, wenn Hans Wrba mit sonorer Stimme erzählt. Die gut 30 Besucher im behaglich warmen Wörther Bürgersaal sitzen eng zusammengerückt. Draußen hängt die Luft nachtgrau und schwerfeucht über der Stadt: Vom Donaudunst könnten sich sogar die berühmten Nebel von London ganze Blöcke abschneiden. Es ist Volkstrauertag, mitten im Totenmonat November.
Das Thema, das Wrba, ehrenamtlicher Heimatpfleger des Altlandkreises Cham, an diesem Abend behandelt – es passt unheimlich gut in diese geisterhafte Stimmung: „Totenbrauch im Bayerischen Wald“. Darum sollte man vorwegschicken: An diesem doch arg jenseitigen Abend verlassen alle Zuhörer den Bürgersaal auf eigenen Beinen – und todernst geht es bei Wrba auch nicht zu.
Humor und fester Glaube
Sicher: Gestorben wurde immer schon. Doch der Umgang mit dem Tod, er wandelte sich durch die Zeiten. Wrba erzählt von Totenwachen, die er selbst als Bub noch miterlebt hat, von den Kosten einer „Leich“ im frühen 20. Jahrhundert und von allerlei Aberglauben rund um Schlafes Bruder: Schon ein Maulwurf konnte im 19. Jahrhundert zum Menetekel werden. Tauchte er in der Stube durch den lehmgestampften Boden auf, galt das als Todesverheißung. „Das ist schon vorgekommen bei den Böden damals“, kommentiert Wrba die hörbare Heiterkeit über das absurde Bild.
Sicher, der Gevatter holt uns irgendwann alle. Aber der Sterberei kann man auch mit Humor begegnen. Es ist eine der Lektionen, die das Publikum von den Chamern früherer Jahrhunderte lernen kann. Wrba liest aus Joseph Schlichts Buch „Bayerisch Land und Bayerisch Volk“ von 1875. Dort schrieb Schlicht Sätze, deren humorfeste Unerschütterlichkeit noch nach 150 Jahren Ehrfurcht und Vergnügen gleichermaßen wecken: „Das Kranksein geht auch im schönen Bayernland oft genug mit dem Sterben aus“, schreibt Schlicht. Hinter dem Humor, ordnet Wrba ein, stehe „eine dicke Portion Auferstehungsglaube, für die wir unsere Vorfahren nur noch beneiden können“.
Brettl einmal ganz anders
„Brettl“, das kennt man aus dem Kabarett. Aber ein Totenbrettl? Im Chamer Raum waren sie über lange Zeit ein zentraler Bestandteil der Totenriten. Särge, erzählt Wrba, habe man dort lange misstrauisch beäugt – teuer waren sie ohnehin. Auf dem Brett ging es Richtung Grab, dort sei der Leichnam dann wörtlich „übers Brettl g’rutscht“, womit Wrba die Herkunft dieser Redewendung ebenfalls geklärt hätte. Anschließend stellte man die Totenbretter an Wegen oder Brücken auf – als sichtbares Zeichen des Gedenkens.
Viele der Brettlsprüche sind überliefert. Eine Witwe hat Folgendes auf das Brett ihres Kindes schreiben lassen: „Im letzten Jahr, da starb mein Mann, wie tat ich ihn beweinen. Und jetzt, ach, starb mein einzig Kind – nun bin ich ganz allein.“ Solch schlichte Verse, oft unbeholfen im Ausdruck, treffen ins Mark. Wrba zitiert weitere Inschriften, manche zum Schmunzeln, bei anderen kann man einen Kloß im Hals spüren. In Wrbas Erzählung blitzt immer wieder durch, was diese Bräuche eigentlich sind: der Versuch, Unbegreifliches in einfache Worte und Rituale zu fassen, eine Brücke ins Jenseits.
Brücken zur Erlösung
Manchmal wurden die Bretter von symbolischen zu echten Brücken: Über Bächlein und sumpfige Stellen gelegt, sollten sie den Seelen den Weg über das Wasser erleichtern. „Je schneller so ein Brett im sumpfigen Untergrund verfault ist, umso schneller ist die Seele erlöst worden“, erklärt Wrba die Gedankenwelt der alten Waldler. Für moderne Ohren mag das fremd klingen, doch im Bürgersaal ist es für einen Moment ganz selbstverständlich, dass Holz und Wasser, Sumpf und Ewigkeit zusammengehören.
An ein Totenbrett, so das damalige Tabu, rührte man nicht. Die Sagen über „Brettlschänder“ fassen das in deutliche Worte: Wer ein Brett entweiht, kann schon mal spurlos verschwinden oder verliert gar für den Rest seines Lebens die Sprache.
Mehr Leben war im Tod
Wrba streift weitere Bräuche: kleine Armenseelentafeln mit Weihwasser, Tischsärge mit Puppen, gestaltet wie halb verweste Leichen. Geschnitzt aus Zirbenholz wirkten diese Särglein erschreckend, aber auch berührend in ihrer Detailgenauigkeit. Was auf den ersten Blick morbide wirkt, könnte therapeutische Wirkung gehabt haben: Wer will sich noch über die Gemeinheiten des Tages aufregen, wenn man auf dem Nachtkästchen an die eigene Sterblichkeit gemahnt wird?
Das Bewusstsein vom Tod, so lautet Wrbas Fazit, sei früher viel stärker als Teil des Lebens präsent gewesen. Es galt: „Gewiss ist der Tod, ungewiss der Tag, und die Stund’ niemand wissen mag.“ Sich nicht zu wichtig zu nehmen im Angesicht der Endlichkeit – es ist eine weitere Lehre der Ahnen, die man sich noch heute zu Herzen nehmen kann.
Am Ende des Abends ist der November draußen immer noch grau, die Luft schwerfeucht. Doch im Inneren ist etwas wärmer geworden. Das hat mit Wrbas Erzählart zu tun: Er lässt die Gedankenwelt längst Verstorbener wieder lebendig werden. Zwischen Totenbrettern, Maulwurfhügeln und Armenseelentafeln entsteht so das Bild einer Welt, in der man dem Unvermeidlichen mit Ernst und dennoch mit einem leisen Lächeln begegnet.
[Text Wolfgang Karl, Donau-Post; Bild Johann Festner]