Erinnerungsmagie: Lesung mit der Regensburger Autorin Petra Teufl

Eingetragen am

Der Protagonist Robert Schröder wollte eigentlich gar nichts damit zu tun haben und sich auf sein Antiquitätengeschäft in der Louisenstraße 13 konzentrieren. Er ist einer der Männer, die im Alter eigenbrötlerisch und vergesslich werden. Doch als er einen Mann im Park trifft, der verzweifelt auf eine Hundeleine starrt, wird er hineingezogen in die Geschichte. Denn wie es Schröders verborgenes Talent verlangt, erzählen ihm die Leute Sorgen, Wünsche, ihre ganze Lebensgeschichte. So erfährt er, dass der Hund gestorben war und auch sein Herrchen.

Aus dem Zeitvertreib wird ein Geschäftsmodell

Weil der Fremde nicht weiß, was er mit der Leine anstellen soll, nimmt sie Schröder an sich und erklärt sie zum Erinnerungsstück. Was ursprünglich als Zeitvertreib begann, entwickelt sich zu einem Geschäftsmodell. Leute kommen und liefern Gegenstände ab, auf die sie selbst nicht hinreichend aufpassen könnten, die sie nicht mehr ertrugen oder für eine gewisse Zeit aus dem Blickfeld schaffen wollen. Zum Tausch bekommen sie einen Abholschein, falls sie sich ihr Hab und Gut an ihren alten Platz wünschen. Eine wichtige Regel dabei: keine Namen und Fakten, die Besitzer bleiben anonym! Dieser ganze Prozess bereitet Schröder zwar Spaß und Ablenkung, zerrt aber durchaus an den Nerven und stellt ihn vor Herausforderungen. Von einem solchen Schockmoment las Teufl aus dem ersten Band, der die Geschichte ins Rollen bringt. Denn Julia hatte mit ihrer Oma, die im Sterben liegt, alte Fotos angesehen und sie darauf ganz verliebt mit einem Mann entdeckt, der sicher nicht Opa Hermann war. Seit zwei Jahren Witwe, möchte Oma Belle diesen Mann aus den Siebzigerjahren aufspüren.

Als dann Julia in Schröders Antiquitätengeschäft auftaucht, erkennt er die Gesichtszüge, hat einen Nervenzusammenbruch, weiß aber nicht, weshalb. Denn seine eigenen Erinnerungen an die Zeit damals sind verschwunden. „Je mehr fremde Erinnerungen er an sich nimmt, desto weniger muss er sich ja auf sich konzentrieren“, fügte die Autorin hinzu. Aber vor eben diese Aufgabe stellt ihn Teufl im Buch, er soll sich erinnern – auch an alles Schmerzvolle.

Zum Schreiben kam sie über Umwege

Zum Schreiben selbst kam Teufl über Umwege, nachdem sie als Sozialpädagogin und in einer Anwaltskanzlei gearbeitet hatte. Jahrelang schrieb sie nebenbei als freie Mitarbeiterin für eine Zeitung über Politik und Vereinsversammlungen, aber schon in ihrer Kindheit interessierte sie sich immer für Geschichten. Dem eigenen Erzählen von Geschichten ging sie dann in ihren Vierzigern nach, als sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern aufs Land zog.

[...]

Die Idee für die Louisenstraße 13 kam der Autorin schließlich, als es darum ging, wer das Familienerbstück übernimmt. Als Frau eines Soldaten musste Teufls Großmutter gegen Ende des Zweiten Weltkriegs den Amerikanern ihre Wohnung zur Verfügung stellen. Olga, die russische Haushälterin, versprach, auf die wertvollen Möbel aus den Zwanzigerjahren aufzupassen, da sie als Alliierte sicher nicht hinausgeworfen werden würde. Und diese Geschichte erfuhr Teufl erst, als ihre Eltern eben jenes Buffet von damals aussortierten.

Aber was passiert mit dieser Geschichte, wenn das Möbelstück wegkommt? Wer erzählt sie dann noch? Diese Fragen trieben Teufl um, also nahm sie das Buffet an sich und es machte Klick. Die Geschichte von damals verarbeitete sie in veränderter Weise in der Handlung. Auch vom Familien- und Freundeskreis lässt sie sich inspirieren. „Schreiben ist magisch“, sagte sie zu den Zuhörern, die die ganze Bücherei füllten. So hat Teufl selbst einen Teil ihrer Familiengeschichte gerettet und vielleicht wird sie auch bald diese Kommode an einen neuen Besitzer weitergeben, erzählte sie dem Publikum.

In Band zwei liegt der Fokus auf Schröders Ziehsohn Patrick, der sich ebenso verliebt wie er damals. Schröder möchte ihn dabei unterstützen, nicht denselben Fehler zu machen wie er. Viele weitere Familiengeschichten sind nicht so rosig, wie sie nach außen scheinen. Das erfährt der Geschichtensammler am eigenen Leib, als bei ihm ein Porträt eines Familienunternehmens auftaucht. Denn offensichtlich gibt es Erinnerungen, die dringend vermisst werden. Manche holen ihren archivierten Gegenstand hingegen nicht ab, sondern kommen regelmäßig vorbei, um ihn zu sehen. So wird eine Kundin zur Freundin, die immer mittwochs den Handschuh ihrer Hochzeit besucht, sich dazu mit Schröder zum Tee unterhält. Diese Dinge restauriert er zwar nicht wie die Möbel und Gegenstände, die er in seinem Laden als Antiquitäten anbietet, aber er erhält sie am Leben. In seiner „Wohnung voller Geschichten“ bleiben sie lebendig und stauben nicht ein.

Ende Januar kam der dritte und letzte Band

Ende Januar erst war der dritte und letzte Band der Reihe veröffentlicht worden. Darin muss sich Schröder seinen Herzproblemen stellen. Weitere Szenen aus den Büchern drehten sich an diesem Abend um die Werkstatt von Schröder, einen Silberrahmen und Schlüsselanhänger. Teufel hat eine Buchreihe geschaffen, die zwischen Glück und Trauer sicherlich die Kraft hat, die eigene Umgebung, den angesammelten Besitz intensiver wahrzunehmen – und sich an die Geschichten dahinter zu erinnern. Die anderen Bände der Louisenstraße 13 haben die Untertitel „Gestern war anders“ und „Schröders Herzgefühl“.

Nach der Lesung unterhielten sich die Gäste noch mit der Autorin, kauften sich Bücher und ließen sie signieren. Den ersten Band der Reihe sowie ihr Buch „Liebe blüht, wenn man sie gießt“ gibt es zur Ausleihe in der Bücherei.

[Text und Bild: Theresa Schmid, Donau-Post]

Zurück