Peter Wenk u. Gertrud Wittkowsky (Zither): Heilige Nacht von Ludwig Thoma

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Peter Wenk u. Gertrud Wittkowsky (Zither): Heilige Nacht von Ludwig Thoma

„Heilige Nacht“ verzauberte Zuhörer im Bürgersaal

Peter Wenk trug Ludwig Thoma’s bekannte Verserzählung vor – Besinnliche Zithermelodien

Als der Schriftsteller Ludwig Thoma 1917 die Geburt Jesu neu interpretieren wollte, hatte er ein Problem: Wie sollte er an eine Erzählung herangehen, die jeder schon tausendmal gehört hatte? Was sollte er noch herausholen aus einer Story, die jedes Kleinkind auswendig konnte? Thoma hatte damals eine Idee: Kurzerhand verlegte er die Weihnachtsgeschichte nach Oberbayern und erzählte sie einfach so, wie ihm „der Schnabel gewachsen war“ – in breitestem Bairisch. Sein Werk „Die Heilige Nacht“ schlug ein [...].

94 Jahre später hatte auch der Regensburger Rezitator Peter Wenk ein Problem: Wie soll er Ludwig Thoma’s „Heilige Nacht“ seinem Publikum präsentieren? Wie soll er eine Geschichte neu interpretieren, die alle schon unzählige Male gehört haben, in der Schule, in der Kirche, im Radio, auf Adventsfeiern, unterm Christbaum? Eine Verserzählung, die, so hat es Wenk in seiner Ankündigung formuliert, „oft volkstümlich-verkitscht“ wird. Wenks Konzept klingt einfach: Er will den Text „wohltuend gegen den Strich bürsten“, „verschüttete Zwischentöne“ sollen wieder zum Vorschein kommen.

Eingestimmt werden die Zuhörer am Freitag im Bürgersaal von Gertrud Wittkowsky, einer vielfach ausgezeichneten Zitherspielerin [...]. Die Luft duftet nach Glühwein, als sie mit ihrer Zither eine nachdenkliche Eingangsmelodie spielt. Dann beginnt Peter Wenk die Weihnachtslegende vorzutragen: „Jetzt Leuteln, jetzt loost‘s amal zua!...“.

Sein Handwerk als Vorleser beherrscht Wenk, kein Zweifel. Jedes Wort betont er richtig, mal wird er laut, beginnt zu poltern, fuchtelt mit den Armen durch die Luft, wirft den Kopf hin und her, dann wieder senkt er die Stimme, wird ganz sanft, verfällt beinahe in ein Flüstern. Und dazwischen immer wieder die durchdringenden Blicke ins Publikum, die Gesichtsausdrücke, die jede Äußerung unterstreichen, die Sprechpausen. Es macht Spaß, ihm zuzuhören.

Auch singen kann er, das wird sofort klar, als die erste Gesangspassage erreicht ist. Begleitet von Gertrud Wittkowsky singt Wenk mit kräftiger, sicherer Stimme von der winterlichen Natur oder der beschwerlichen Herbergssuche.

Das Publikum hat der Regensburger inzwischen ganz auf seiner Seite. Alle hängen ihm an den Lippen, alle haben Bilder im Kopf. Bilder von einem bettelarmen bayerischen Ehepaar, das über schneebedeckte Hügel wandert, durch verschneite, stille Wälder. Das in einem Dorf ankommt, aber dort von den grantigen Wirtsleuten nur davongejagt wird. Das schließlich in einem dunklen Holzstadel unterkommt, auf einem Strohhaufen.

Nach etwa einer Stunde ist der Höhepunkt erreicht. Untermalt vom zarten Klang der Zither rezitiert Peter Wenk die Stelle, an der Jesus zur Welt kommt. Er macht theatralische Gesten, erzählt mit triumphierender Stimme von den funkelnden Sternen, vom Licht, vom brausenden Himmel, von den Harfen- und Orgelklängen, vom Singen der Engel. Dann wird es still, die Geschichte geht ihrem Ende zu. Langsam liest Wenk die letzten Sätze der „Heiligen Nacht“ vor, gewissermaßen ihr Fazit: „Und geht’s es in d’Mettn, ös Leut, na roat’s enk de Gschicht a wenig zamm! Und fragt’s enk, ob dös nix bedeut‘, dass’s Christkind bloß Arme g’sehg’n ham.“

Der [...] Abend hört schließlich genauso auf, wie er angefangen hat: Mit einer andächtigen Zithermelodie. Als die letzten Töne verklungen sind, ist es für ein paar Augenblicke ganz still im Bürgersaal, so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Die Zuhörer lassen die Geschichte nachwirken, viele haben den Kopf gesenkt, manche lassen ihre Blicke gedankenverloren umherschweifen. Dann setzt begeisterter Applaus ein und es kommt einem vor, als wäre man gerade aus einem Traum erwacht. Einem schönen Traum.

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