Stille Pracht

Eingetragen am

1522 schuf der Maler auf der Lichtung beim Hirschbuckel ein Gemälde von erhabener Qualität, das zu seinen größten Werken zählt und heute in der Alten Pinakothek in München ausgestellt ist. Titel: „Donaulandschaft mit Schloss Wörth.“

496 Jahre später, am vergangenen Sonntag, steht Kultur-in-Wörth-Chef Johann Festner an derselben Stelle, zusammen mit 77 Frauen und Männern, die sich an der literarischen Wanderung rund um den Hirschbuckel beteiligen. Der Himmel ist blau und weit, die Sonne lacht. Es ist nicht mehr ganz so spektakulär wie damals, die Anhöhe ist ziemlich zugewachsen. Sträucher und Bäume machen sich einen Spaß daraus, den Passanten die Aussicht zu verstellen – doch so ganz gelingt ihnen das nicht: Man erkennt die schimmernde Donau, am Horizont ragt der Scheuchenberg empor. Und einmal blitzt das Wörther Schloss zwischen den Ästen hervor.

Altdorfer habe damals ein neuartiges, ja stilprägendes Bild auf der Leinwand verewigt, weil er nicht christliche Symbolik ins Zentrum rückte, sondern die Natur, doziert Festner. Er trägt dann ein Gedicht des Schriftstellers Harald Grill vor, das den Liebreiz des Vorwaldes beschwört. Aus der Schönheit der Natur erwachse die Pflicht, eben diese Schönheit zu bewahren, sagt Festner. Doch genau diese Schönheit sei gefährdet, schiebt er mit ernster Miene hinterher: „Die Flutpolder würden nicht nur Landwirte betreffen. Sie würden uns alle betreffen, weil sie unsere Donauauen ganz fürchterlich verschandeln täten.“

Natürliches Flutbecken

Auch Josef Schütz, stellvertretender Bürgermeister und Naturexperte, kommt nicht an der leidigen Thematik vorbei, als er am Fuße des Hirschbuckels steht. „Hier ist ein natürlicher Flutpolder“, sagt er, die Wanderer schauen sich fragend um. Sie sehen: Brennnessel, Büsche, einen steilen Hang. Wenn der Wellerbach mal übers Ufer trete, sammle sich hier das Wasser, ganz natürlich, sagt Schütz. Kosten: null. Schaden: null. Die Erlen, Weiden und Pappeln hätten mit dem Wasser kein Problem. Was Schütz damit sagen will: Solche Überschwemmungsflächen, in den Wäldern und Tälern, entlang der Bäche und Flüsse, alle zwei, drei Kilometer, könnten künstliche, kolossale Polder an der Donau ersetzen. „Rückhalt in der Fläche“, so laute die Zauberformel. „Wir sind nicht nur gegen Polder, weil wir hier wohnen“, sagt Schütz, „wir haben schon auch gute Argumente.“

Das Wetter wird extremer

Vom Hirschbuckel geht es hinab nach Tiefenthal. Kurz bevor der Weg den schattigen Wald verlässt, schlägt Schütz fast philosophische Töne an. Wenn man sich die Bäume oder Steine ansehe, dann sei der Mensch mit seinen 70 oder 80 Lebensjahren „eigentlich nichts“, sinniert er. Trotzdem sei der Mensch im Begriff, den Lauf der Natur zu stören. Stichwort: Klimawandel.

Temperaturschwankungen habe es zwar immer gegeben, räumt der Fachmann ein. Was aber nicht von der Hand zu weisen sei: „Das Wetter wird immer extremer, es wird unberechenbar. Jeder Einzelne könnte viel mehr tun, um diese Entwicklung zu stoppen.“ „... Wenn er denn wollte“, ergänzt eine Teilnehmerin.

Dann breitet sich die Donauebene aus. Die Wanderer stehen jetzt über Tiefenthal, am Horizont ist Straubing zu sehen. Ein würdiges Postkartenmotiv. Allgemeines Staunen.

Ob die Kinder im 19. und 20. Jahrhundert einen Blick für diese Aussicht hatten ? Man darf das für unwahrscheinlich halten. Täglich hatten sie den harten Schulweg von Weihern oder Hungersacker nach Hofdorf zu meistern. Sepp Schindlers Mutter war eines dieser Schulkinder, ihre Erinnerungen haben den Autor zur Geschichte „Der Fuchs“ bewogen, die er bei der literarischen Wanderung am Sonntag vorträgt.

Schindlers Geschichte handelt von Schulkindern aus Hungersacker, die auch im tiefsten Winter durch den Wald zur Schule marschieren, in Holzschuhen. Nach argem Schneefall begleitet die Mutter ihre Kinder, bahnt ihnen einen Weg. Nach besonders argem Schneefall fährt der Vater mit einem provisorischen Pflug voraus. Einmal kreuzt ein Fuchs den winterlichen Weg der Schulkinder, fletscht bei ihrem Anblick die Zähne. Eine Begegnung, die Schindlers Mutter derart beeindruckt, dass sie beim Erzählen auch Jahrzehnte später selbst die Zähne fletscht. In der letzten Phase stellt die 97-Jährige das Sprechen ein. Auf eine Frage reagiert sie aber doch noch: Wenn die Enkel fragen, was denn dieser Fuchs damals gemacht habe, zeigt sie’s ihnen – und fletscht die Zähne.

Sinnloses Gemetzel

Zwischen Tiefenthal und Wörth wartet am Wegesrand ein steinernes Kreuz, ein Schwedenkreuz, wie Josef Schütz erklärt. Örtliche Bauern werden es – so die Vermutung – im Dreißigjährigen Krieg aufgestellt haben, als Ausweis ihrer Dankbarkeit, verschont geblieben zu sein. Damals zogen die Schweden ja auch durchs Regensburger Land, mordend, plündernd, brandschatzend, vergewaltigend. „Das war ein einziges Gemetzel“, so Schütz, „am Ende hat niemand mehr gewusst, wofür er eigentlich kämpft.“

Schindler liest, passenderweise, eine „schaurige Geschichte“ vor, die der Feder des Regensburger Schriftstellers Georg Britting entstammt. Es geht um drei Brüder, elf, zwölf und dreizehn, die mit einem gestohlenen Fischerboot das Altwasser der Donau befahren. Der Jüngste fällt ins Wasser, geht unter, ist weg, einfach so. Seine beiden Brüder gehen zurück in die Stadt, schweigend, erstarrt, wie in Trance.

„Eine tragische Figur“

Die nächste Station ist Wichenbach, eine idyllische Einöde, versteckt im Wald. Hier wurde Johann Reichhart geboren, der letzte deutsche Henker. Neun Monate braucht es, um einem Menschen sein Leben zu geben – Reichhart brauchte drei bis vier Sekunden, um es wieder zu nehmen. Seinem Fallbeil fielen in den Zwanzigerjahren und vor allem im Dritten Reich Hunderte Verurteilte zum Opfer, auch Sophie und Hans Scholl. Nach dem Krieg war er den amerikanischen Befreiern zu Diensten und exekutierte verurteilte Nazi-Verbrecher. Zum Schluss war er ein gebrochener Mann, sein Sohn hatte Suizid begangen. 1972 starb Reichhart in Oberbayern, verbittert, verstoßen. „Eine tragische Figur“, wie es Schütz bezeichnet.

Auf den letzten Metern Richtung Wörth wird es lauter, der Autobahnlärm schwillt an. Man merkt jetzt erst, wie still es in den letzten zweieinhalb Stunden war. Im Wald war nichts zu hören, höchstens das geheimnisvolle Rauschen des Windes.Einen letzten Appell gibt Schütz den Wanderern mit auf den Weg: „Gehen Sie in die Natur, genießen Sie die Stille, schöpfen Sie Kraft.“ Es sei unheimlich schön, sich im Wald hinzusetzen, sagt er. Dann zurücklehnen. Augen schließen. Und einfach lauschen. 

[Donau-Post, Simon Stadler]

Zurück